Wissenschaft und Politik im Dialog
Wege zur Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme
04.06.2026
Christoph Frauenpreiß, MdB, bringt als Mitglied im Ausschuss für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat sowie als fischereipolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion eine praxisnahe Perspektive auf Landwirtschaft, Ernährungssicherheit, Fischerei und ländliche Räume in den Dialog ein. Im Austausch wurden aktuelle Forschungsansätze aus food4future mit politischen Fragen zu Transformation, Regulierung und Umsetzbarkeit verknüpft. Dabei stand im Mittelpunkt, wie wissenschaftliche Innovationen dazu beitragen können, Agrar- und Ernährungssysteme nachhaltiger, vielfältiger und praxistauglich weiterzuentwickeln.
Wissenschaftliche Impulse für politische Entscheidungsprozesse
Im Zentrum des Gesprächs stand die Frage, wie Forschung dazu beitragen kann, politische Entscheidungsprozesse fundiert zu unterstützen. Agrar- und Ernährungssysteme stehen vor komplexen Herausforderungen: Klimawandel, Ressourcenknappheit, Flächenkonkurrenz, sich verändernde Konsummuster und die Notwendigkeit resilienter Lieferketten erfordern neue Lösungsansätze.
food4future untersucht in diesem Zusammenhang alternative Agrar- und Ernährungssysteme, die ressourceneffizienter, diverser und unabhängiger von klassischen Produktionsflächen sein können. Dazu gehören unter anderem Indoor-Kultivierung, urbane Lebensmittelproduktion sowie die Erforschung alternativer Lebensmittelressourcen wie Algen, Quallen, Insekten und Halophyten.
Transformation braucht Innovation und realistische Rahmenbedingungen
Ein wichtiger Gesprächspunkt war die Verbindung von Innovationspotenzial und praktischer Umsetzbarkeit. Landwirtschaftliche Betriebe haben ein eigenes Interesse daran, Boden, Wasser und natürliche Ressourcen langfristig zu erhalten. Gleichzeitig benötigen sie wirtschaftliche Perspektiven, Planungssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen.
Diskutiert wurden daher verschiedene technologische und organisatorische Ansätze: von satellitengestützten Anwendungen über Smart-Herding-Systeme mit virtuellen Zäunen bis hin zur Nutzung von Reststoffströmen. Solche Innovationen können dazu beitragen, Ressourcen effizienter einzusetzen, ökologische Leistungen stärker zu berücksichtigen und landwirtschaftliche Produktionssysteme weiterzuentwickeln.
Alternative Produktionsräume als Ergänzung zur Landwirtschaft
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf neuen Produktionsräumen. Urbane Ernährungssysteme, Indoor-Kultivierung und alternative Agrarsysteme können Perspektiven eröffnen, die über klassische Agrarflächen hinausgehen. Gerade vor dem Hintergrund zunehmender Flächenkonkurrenz stellt sich die Frage, wie Ernährung künftig stärker lokal, ressourcenschonend und flächeneffizient organisiert werden kann.
Im Gespräch wurde deutlich: Solche Ansätze müssen nicht als Konkurrenz zur bestehenden Landwirtschaft verstanden werden. Vielmehr können sie diese ergänzen und dazu beitragen, Ernährungssysteme breiter aufzustellen. Gleichzeitig braucht es dafür geeignete rechtliche und planerische Rahmenbedingungen, insbesondere dort, wo neue Produktionsformen im urbanen Raum oder in bislang untypischen Nutzungskontexten entstehen.
Novel Foods zwischen Forschung, Regulierung und Akzeptanz
Auch Novel Foods wie Algen, Quallen, Insekten und Halophyten waren Teil des Austauschs. Sie könnten künftig einen Beitrag zu Ernährungssicherheit, Ressourceneffizienz und Diversifizierung leisten. Gleichzeitig zeigen sie exemplarisch, wie eng wissenschaftliche Innovation, regulatorische Prozesse und gesellschaftliche Akzeptanz miteinander verbunden sind.
Die EU-Novel-Food-Verordnung spielt dabei eine zentrale Rolle. Sie schafft wichtige Sicherheitsstandards, kann aber zugleich den Weg von der Forschung in die Anwendung beeinflussen. Experimentierklauseln können erste Spielräume eröffnen, reichen jedoch nur bedingt aus, wenn innovative Ansätze systematisch weiterentwickelt, skaliert und in Richtung Marktreife gebracht werden sollen.
Neben regulatorischen Fragen wurde auch die Verbraucherakzeptanz diskutiert. Neue Lebensmittel müssen nicht nur wissenschaftlich erforscht, sondern auch verständlich vermittelt und erfahrbar gemacht werden. Unterschiedliche Zielgruppen – von Kindern bis zu politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern – spielen dabei eine wichtige Rolle.
Marine Ressourcen und neue Nutzungskonzepte
Durch die fischereipolitische Perspektive von Christoph Frauenpreiß rückten zudem marine und küstennahe Produktionssysteme in den Fokus. Diskutiert wurde unter anderem, ob Offshore-Strukturen künftig auch für die Kultivierung von Algen genutzt werden könnten und welches Potenzial Algen im Zusammenhang mit CO₂-Speicherung, regionaler Wertschöpfung und nachhaltiger Biomasseproduktion bieten.
Solche Ansätze machen deutlich, dass Transformation nicht nur an Land gedacht werden muss. Auch Meere, Küstenräume und bestehende maritime Infrastrukturen könnten künftig eine größere Rolle für nachhaltige Ernährungssysteme spielen. Dafür braucht es jedoch geeignete Flächen, belastbare Forschung, Pilotanlagen und klare rechtliche Rahmenbedingungen.
Dialog als Grundlage für Transformation
Der Austausch im Rahmen von Leibniz im Bundestag zeigte, wie wichtig der direkte Dialog zwischen Wissenschaft und Politik ist. Forschung kann neue Lösungsräume aufzeigen, Daten und Analysen bereitstellen und technologische Entwicklungen kritisch einordnen. Politik wiederum gestaltet die Rahmenbedingungen, unter denen Innovationen erprobt, zugelassen und in die Praxis überführt werden können.
Gerade bei der Transformation der Agrar- und Ernährungssysteme müssen Forschung, Politik und Wirtschaft eng zusammengedacht werden. Denn der Weg von der wissenschaftlichen Idee bis zur Marktreife ist nicht allein eine Frage technischer Machbarkeit. Er hängt ebenso von Regulierung, Planungssicherheit, Finanzierung, gesellschaftlicher Akzeptanz und politischem Gestaltungswillen ab.
Die Ernährung der Zukunft wird voraussichtlich nicht durch eine einzelne Lösung geprägt sein. Vielmehr wird es auf eine vielfältige Mischung unterschiedlicher Ansätze ankommen: klassische Landwirtschaft, digitale Technologien, urbane Produktion, marine Ressourcen und Novel Foods können gemeinsam dazu beitragen, Ernährungssysteme nachhaltiger und resilienter zu gestalten.
Der Dialog mit Christoph Frauenpreiß hat hierfür wichtige Anknüpfungspunkte eröffnet und gezeigt, welchen Mehrwert Formate wie Leibniz im Bundestag für den Austausch zwischen wissenschaftlicher Expertise und politischer Praxis bieten.