Wissenschaft zum Mitnehmen im Lunchpaket-Format
„Algen – das Superfood der Zukunft?“ Wie ein Potsdamer Veranstaltungsformat Forschung verständlich und erlebbar macht
20.03.2026
Roter Schnee in den Alpen, verursacht durch mikroskopisch kleine Algen. Grünliche Beläge auf Baumrinde, die selbst ohne Boden wachsen. Was zunächst ungewöhnlich klingt, ist biologischer Alltag: Algen gehören zu den anpassungsfähigsten Organismen überhaupt. Einige Arten leben auf Schnee und Eis und können ganze Flächen färben, andere besiedeln Baumrinden, Steine oder Fassaden und beziehen ihre Feuchtigkeit allein aus Regen oder Luft.
Diese Fähigkeit, selbst extreme Lebensräume zu erschließen, macht Algen zu einer spannenden Ressource für zukünftige Ernährungssysteme. Doch im europäischen Alltag sind sie bislang kaum angekommen.
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Lunchpaket“ von proWissen Potsdam gab Ha Anh Tran vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) Einblicke in die Welt der Algen. Das Format verbindet wissenschaftliche Zusammenhänge mit praktischer Verkostung und schafft so einen niedrigschwelligen Zugang zu aktuellen Forschungsthemen.
Inhaltlich wurde die Veranstaltung von Ha Anh Tran gestaltet und von Dagmar Altenhöhner moderiert. Ha Anh Tran ist Ernährungswissenschaftlerin und Doktorandin am DIfE im Department für Molekulare Toxikologie. In ihrer Forschung arbeitet sie an Humanstudien und untersucht fettlösliche Mikronährstoffe mithilfe hochauflösender chromatographischer Verfahren.
Bei food4future widmet sie sich der Frage, wie gut Mikronährstoffe aus Makroalgen vom menschlichen Körper aufgenommen und verwertet werden, sowie welchen Beitrag sie zu einer gesunden und nachhaltigen Ernährung leisten können.
Algen verstehen: Einordnung, Nährstoffe und Potenziale
Im Mittelpunkt des Vortrags stand zunächst die grundlegende Einordnung von Algen: von Mikro- bis Makroalgen, ihre Vorkommen in unterschiedlichsten – teils extremen – Lebensräumen sowie ihre vielseitigen Einsatzbereiche, etwa in Ernährung und Kosmetik.
Auch der Begriff „Superfood“ wurde kritisch beleuchtet. Als Marketingbegriff oft unscharf verwendet, verweist er im Kern auf Lebensmittel mit einer hohen Dichte an gesundheitsrelevanten Inhaltsstoffen. Algen erfüllen viele dieser Kriterien: Sie enthalten unter anderem Mineralstoffe wie Jod, Proteine sowie Substanzen mit antioxidativen Eigenschaften wie Carotinoide. Bei letzterem handelt es sich um Pigmente, die auch in Karotten, Lachs oder Flamingos vorkommen.
Während Algen in asiatischen Ernährungssystemen seit Jahrhunderten etabliert sind, gewinnen sie in Europa erst seit Kurzem wieder an Aufmerksamkeit. Ihr Potenzial als nachhaltige und nährstoffreiche Ergänzung bestehender Ernährungssysteme rückt dabei zunehmend in den Fokus von Forschung und Praxis.
Vom Wissen zur Erfahrung: Verkostung als Türöffner
Ein zentrales Element der Veranstaltung war die Verkostung verschiedener Algenprodukte, darunter knusprige Seaweed-Snacks. Die Reaktionen der Teilnehmenden waren überwiegend positiv. Viele zeigten sich überrascht vom Geschmack, der häufig als „fischig“ beschrieben wurde, zugleich aber kaum Ablehnung hervorrief.
Gerade diese direkte Erfahrung erwies sich als entscheidend: Die Verkostung ermöglichte es, theoretisches Wissen unmittelbar mit sensorischen Eindrücken zu verknüpfen. Neue Lebensmittel wurden so nicht nur erklärt, sondern erlebbar gemacht.
Forschung im Blick: Mikronährstoffe aus Algen
Einblick gab die Veranstaltung auch in aktuelle Forschungsarbeiten am DIfE. Im Rahmen der MiMal-Studie wird untersucht, wie gut Mikronährstoffe aus Makroalgen vom menschlichen Körper aufgenommen werden. Im Fokus stehen dabei unter anderem Jod und Carotinoide wie Beta-Carotin.
Erste Untersuchungstage wurden bereits durchgeführt, die Studie stößt auf großes Interesse bei den Teilnehmenden. Ziel ist es, die Bioverfügbarkeit dieser Nährstoffe besser zu verstehen und damit eine fundierte Grundlage für zukünftige Ernährungsempfehlungen zu schaffen.
Ein Format mit Resonanz: Neue Zielgruppen erreichen
„Das Lunchpaket ist super gelaufen, es waren 68 Zuhörer:innen da, die sehr am Thema interessiert waren, viel gefragt und auch rege die Snacks probiert haben“, so Dagmar Altenhöhner, Organisatorin der Veranstaltungsreihe.
Das Publikum setzt sich aktiv mit der Thematik auseinander und stellte Fragen zu Jodgehalt, empfohlenen Verzehrmengen und zu Omega-3-Fettsäuren.
Das monatliche Format “Lunchpaket” mit wechselnden Themen erweist sich damit als wirkungsvolles Instrument, um wissenschaftliche Inhalte in die Gesellschaft zu tragen und unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen.
Algen als Teil zukünftiger Ernährungssysteme
Die Veranstaltung verdeutlicht, welches Potenzial in Algen für die Transformation von Ernährungssystemen liegt. Sie bieten nicht nur eine hohe Nährstoffdichte, sondern eröffnen auch neue Perspektiven für nachhaltige Produktionsweisen – etwa durch ihre Kultivierung in bislang wenig genutzten Räumen.
Gleichzeitig bestehen weiterhin Herausforderungen: Fragen der Akzeptanz, regulatorische Rahmenbedingungen und Wissenslücken müssen adressiert werden, um Algen langfristig stärker in europäische Ernährungssysteme zu integrieren.
Ausblick: Forschung, Vernetzung und Anwendung
Die Beschäftigung mit Algen wird auch über die Veranstaltung hinaus fortgeführt. Neben laufenden Studien sind weitere Formate geplant, etwa im Rahmen des Potsdamer Tags der Wissenschaften am 9. Mai 2026.
Algen – das Superfood der Zukunft? Für Ha Anh Tran ist die Richtung klar: „Algen haben großes Potenzial als nährstoffreiche und nachhaltige Lebensmittelquelle. Sie enthalten zahlreiche Inhaltsstoffe, die für die menschliche Gesundheit relevant sind.“