Zukunftsbild für die Agrarwirtschaft

Ergebnis des Visionsprozesses der »Agrarsysteme der Zukunft«

07.01.2022
Teilen auf
© Agrarsysteme der Zukunft | Zukunftsbild der BMBF-Förderlinie »Agrarsysteme der Zukunft«

Was werden wir in Zukunft essen? Wie werden wir unsere Nahrungsmittel produzieren und welche Formen der Agrarwirtschaft streben wir an? Mit diesen und weiteren Fragen haben sich die Konsortien der BMBF-Förderinitiative »Agrarsysteme der Zukunft« im Rahmen eines Visionsprozesses intensiv beschäftigt und ein Zukunftsbild für die Agrarwirtschaft entworfen. Das Zukunftsbild ist nun veröffentlicht und dient als Orientierung und Leitlinie für die weitere Gestaltung des Transformationsprozesses der Agrarsysteme.

Mit Beginn der Förderinitiative »Agrarsysteme der Zukunft« (AdZ) fiel der Startschuss für acht inter- und transdisziplinäre Konsortien, die an unterschiedlichen und komplett neu gedachten Ansätzen zur Transformation des Agrarsystems arbeiten. Innovative Technologien, Smart Farming, die Wertschätzung von Ökosystemleistungen und Tierwohl sowie der Schutz und die Förderung von Biodiversität spielen dabei eine große Rolle. Doch die Konsortien der Fördermaßnahme verbindet mehr als nur der Anspruch, die Nahrungsmittelproduktion nachhaltiger zu gestalten. Sie wollen einen Beitrag zum Transformationsprozess der Food- und Agrarwirtschaft leisten und diesen aktiv fördern.

Deshalb setzte mit dem Start der Projektvorhaben auch ein von der Koordinierungsstelle der Fördermaßnahme moderierter Visionsprozess ein, der das Ziel verfolgte, die vielfältigen Ansätze, Disziplinen und Expertisen innerhalb des Förderprogramms zusammenzuführen, um so neue Synergien zu mehr Nachhaltigkeit zu ermöglichen. Ziel war die Entwicklung einer gemeinsamen Vision und Mission sowie eines Zukunftsbildes, die die Leitlinien für die Ausgestaltung der AdZ-Transformationspfade für eine nachhaltige Agrarwirtschaft setzen.

Realisiert wurde der Prozess durch den Konsortien-übergreifenden Austausch in themenspezifischen Workshops und im Rahmen der AdZ-Statusseminare sowie in interaktiven Dialog- und Fachkommunikationsveranstaltungen. Die unterschiedlichen Sichtweisen und Ansätze wurden thematisch zusammengefasst und in einem von allen Konsortien getragenen Zukunftsbild integriert.

Ziel ist es nun, die Umsetzung des Zukunftsbildes in den AdZ-Konsortien systematisch zu forcieren. Dazu dient ein bereits initiierter Roadmapping-Prozess, der zu konkreten Aktions- und Handlungsplänen führen und die verschiedenen Transformationspfade für die urbane und rurale Agrarwirtschaft vorantreiben soll.

Text: P. Albers, IGZ/Koordinierungsstelle AdZ

Lesen Sie hier die Beschreibung des Zukunftsbildes:

Das Zukunftsbild der BMBF-Förderinitiative »Agrarsysteme der Zukunft«

© Agrarsysteme der Zukunft | Zukunftsbild der BMBF-Förderlinie »Agrarsysteme der Zukunft«

"Als Förderprogramm »Agrarsysteme der Zukunft« streben wir eine faire, verlässliche und verantwortungsvolle Agrarwirtschaft von Land bis Stadt an, die Mensch und Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Sie ist die Grundlage für nachhaltig produzierte Lebensmittel auf jedem Teller.

Soziale, ökologische und ökonomische Aspekte sind in der Zukunft entlang des gesamten Wertschöpfungskreises im Sinne einer nachhaltigen Bioökonomie integriert. Die »Agrarsysteme der Zukunft« bieten dabei nachhaltige, resiliente und flexible Lösungen vom ländlichen (ruralen) bis zum städtischen (urbanen) Raum.

Der Erhalt und die Förderung der Biodiversität und Bodengesundheit nehmen in den Agrarsystemen der Zukunft eine zentrale Rolle ein. Ökosystemleistungen werden in alle Entscheidungsprozesse des landwirtschaftlichen Managements einbezogen und berücksichtigt. Auf den Äckern summt und zwitschert es wieder. Die langjährige Maxime »mehr Ertrag« und die ausschließliche Fokussierung auf Cash Crops sind durch regionale, standortangepasste, diversifizierte und kleinteilige Anbausysteme abgelöst. Die Bewirtschaftung dieser Anbausysteme erfolgt insbesondere durch Präzisionslandwirtschaft (Precision farming) und autonome und vernetzten Maschinen. Diese erhalten ihre Informationen von Sensorsystemen auf dem Boden, in der Luft und im Weltraum. Düngung und Bewässerung werden so nach dem individuellen Bedarf der Pflanze ausgebracht, chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel (csPSM) werden nicht mehr eingesetzt.

Kühe stehen in unserem Zukunftsbild wieder draußen im Grünland. Möglich macht dies eine intelligente Weidehaltung mithilfe von virtuellen Zäunen und Fernerkundungstechnologien. Sie ersetzt die Intensivtierhaltung und schützt und fördert so die wertvollen Ökosysteme der Grünlandschaften und tragen zu mehr Tierwohl bei.

Nährstoffe aus Bioabfällen und häuslichem Abwasser werden zurückgewonnen und für die Herstellung sicherer Düngemittel für die urbane und rurale Landwirtschaft verwendet. So können Nährstoffkreisläufe zwischen Stadt und Land geschlossen werden. Die Potenziale der Nährstoffrückgewinnung aus Abwasser für die Etablierung nachhaltiger Produktionssysteme werden voll ausgeschöpft. Konventionelle Kläranlagen liefern neben der Bereitstellung von Betriebs- und Bewässerungswasser auch wichtige Nährstoffe für eine hydroponische Produktion im urbanen Raum.

In modularen, intelligent verbundenen und miteinander kommunizierenden Produktionseinheiten, kann sich die Nahrungsmittelproduktion flexibel in die urbane Umgebung einfügen. Verschiedene Indoor-Kultivierungsverfahren sind in neuen Prozessketten integriert. Die gezielte Reststoffverwertung trägt dazu bei, dass Nahrungsquellen nach dem Zero-Waste-Prinzip vollständig verwertet werden und nahezu kein Abfall entlang der Lebensmittelkette entsteht.

Die nachhaltige und flexible Agrarproduktion im urbanen Raum vom Selbsterzeuger-nahen Kontext bis hin zur städtebaulichen Dimension hält die Wertschöpfungsketten und Wege kurz. Dabei treten die urbanen Produktionsräume nicht in Konkurrenz mit limitierten Wohnraum oder ländlicher Produktion. Ergänzend dazu sind Produktionssysteme für alternative Organismen erschlossen, die saline Bedingungen tolerieren und als ernährungsphysiologisch wertvolle Rohstoffquellen für innovative Food-Produkte dienen. Eine breite Palette von Proteinalternativen reduziert den Bedarf an konventionellen tierischen Quellen mit hohem Kohlenstoff-Fußabdruck.

Wir, die »Agrarsysteme der Zukunft«, schaffen Modelllösungen, Prototypen und Reallabore, die unsere Vision in einem transformativen Prozess Realität werden lässt. Durch unsere transdisziplinäre, partizipative und einem holistischen Ansatz folgende gemeinsame Forschung wollen wir lineare Produktionsstrukturen aufbrechen und revolutionieren. Die intelligente Vernetzung führt zu mehr Nachhaltigkeit des gesamten Agri-Foodbereichs. Die räumlich sowie funktional diversifizierten Produktionssysteme harmonisieren widersprüchliche Ziele in der Raum- und Landnutzung. Es werden Energie- und Stoffkreisläufe geschlossen und nach den Prinzipien einer nachhaltigen Bioökonomie zurückgeführt.

Neben der Nahrungsmittelproduktion leisten Agrarwirt*innen einen aktiven Beitrag zur Erreichung gesamtgesellschaftlicher Klima- und Nachhaltigkeitsziele. Ihre Arbeit wird geschätzt, und es wird ihnen mit Respekt und Anerkennung begegnet. Technologien haben den Arbeitsalltag von Agrarwirt*innen enorm entlastet und tragen zu einer ausgewogenen Work-Life-Balance bei. Ein Beruf in der Agrarwirtschaft ist ein attraktives Berufsziel für viele junge Menschen.“